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Rieder Kreuzigung

Das Relief wurde 1925 an einem Bauernhaus in Ried im Traunkreis entdeckt, an dem es seit 1845 angebracht war. Wahrscheinlich stammt es aus der dortigen, um 1160/65 unter Abt Martin I. von Kremsmünster erbauten Pfarrkirche oder der 1162 geweihten Filialkirche in Weigersdorf. Auch die Stiftskirche von Kremsmünster käme dafür in Frage, deren Kreuzaltar mit dem Lettner und dem Grab des seligen Gunter verbunden war.

Die streng symmetrische Komposition zeigt im Zentrum den bereits toten Gekreuzigten, dessen Füße auf einer Schlange ruhen – Symbol für das überwundene Böse und zugleich eine Erinnerung an den Sündenfall im Paradies. Der Gedanke, dass Christus durch seinen Kreuzestod die Schuld des Adam beglichen habe, geht auf den Apostel Paulus zurück (»Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden«) und wurde später von Augustinus mit der Lehre von der Erbsünde verbunden. Still leidend und in sich gekehrt stehen Maria und der Lieblingsjünger Johannes dem Gekreuzigten zur Seite. Ihm zugewandt, bergen sie ihre Köpfe sorgenvoll in ihren Händen – ein antiker Trauergestus, den auch die darüber erscheinenden Halbfiguren von Sol und Luna (Sonne und Mond) übernehmen und damit die kosmische Dimension des Todes Jesu andeuten. Die Szene wird zu beiden Seiten von zwei hoch aufragenden Türmen begrenzt, die wohl die Stadt Jerusalem symbolisieren.

Übereinstimmungen mit einer Kremsmünsterer Handschrift (Cod. CC 28, fol. 77v) führten zunächst zu einer Datierung des Reliefs um 1050/1100. Es hat deshalb lange als älteste Holzskulptur Österreichs gegolten, doch spricht die Verwandtschaft mit süddeutschen Werken wie dem Alpirsbacher Lesepult für eine spätere Entstehungszeit. Diese zeigt sich etwa in dem fein nuancierten Aufbau des Reliefs, das bereits eine gewisse Räumlichkeit zu suggerieren versucht. Auch die variationsreiche Gewandung der Assistenzfiguren mit dem keimhaft einsetzenden Verständnis für den Körper legt eine Datierung in die Zeit um 1160 nahe, aus der ein vergoldetes Bronzerelief stammt, das aus dem Salzburger Domschatz ins Wiener Kunsthistorische Museum gelangt ist und eine vergleichbare Darstellung zeigt.
Lothar Schultes

RIEDER KREUZIGUNG
SÜDDEUTSCHLAND, um 1160
Lindenholzrelief, seitlich und oben beschnitten, alte, nicht originale Fassung, Höhe 57,7 cm, Breite 36,5 cm
Sammlung Kunstgeschichte, Inv. Nr. S 518

LITERATUR (AUSWAHL):
KASTNER - ULM 1958, 23 f., Abb. 1;
FILLITZ 1976, 592, Nr. 1081;
DAHM 1997, 405 f., Nr. 146, Abb. S. 96, mit der älteren Lit.

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